Digitaler Humanismus und digitale Ethik

Nachdem ich mich nun schon seit geraumer Zeit mit dem Thema digitale Ethik und digitaler Humanismus auseinandersetze, habe ich nun endlich eine Klammer gefunden, mit der ich die sich aus der Auseinandersetzung ergebenden Fragen auf die digitale Ökonomie und deren Geschäftsmodelle beziehen kann. Den Ausgangspunkt hierzu liefert Philipp Staab in seinem Buch Digitaler Kapitalismus. Darin schreibt er:

„Klassische Monopolunternehmen agieren auf Märkten; die Leitunternehmen des digitalen Kapitalismus hingegen sind Märkte“

Er spielt damit auf die großen Plattformunternehmen an, die den digitalen Kapitalismus dominieren: Google, Amazon, Facebook und Apple. Die GAFAs. Die Folge dieser Entwicklung ist, dass Systeme wie Android oder iOS die Basis bilden, auf der nahezu alle digitalen Dienstleister mit Apps aufsetzen müssen. Damit etablieren diese Unternehmen ein eigenes Ökosystem, einen Markt, auf dem sie die Regeln bestimmen. Somit ist der Kern von Google nicht die Suchmaschine selbst, oder ein anderer Service. Das Geschäftsmodell baut vielmehr auf einem proprietären Markt auf: Diese Logik ist das Grundprinzip der Plattformökonomie.

Das Kernproblem im Kontext der Ethik hierbei ist, dass die digitale Infrastruktur in Besitz von privaten Unternehmen ist. In der Frankfurter Rundschau fordert Chefredakteur Thomas Kasper daher: „Digitale Infrastruktur muss Gemeinwohl sein“. Er meint damit, dass Nutzerinnen und Nutzer zumindest eine öffentliche Alternative zu den Technologie-Giganten geboten werden sollte. Wenn Angela Merkel davon spricht, dass Angehörige während der Corona-Pandemie miteinander „zoomen“ könnten, dann zeigt dies, wie es um eine öffentliche digitale Infrastruktur bestellt ist. Sie existiert schlichtweg nicht.

Das Problem geht aber noch weiter: Wenn alle bei WhatsApp (gehört zu Facebook) sind, dann haben es Dienste wie Threema, Telegram oder gar dezentrale Open Source-Dienste schwer, sich zu etablieren. Der Sog, den solche Plattformen entfalten, ist auch als Netzwerkeffekt bekannt, der bei digitalen Unternehmen die Tendenz zur Monopolbildung hat. Diejenige Plattform, die die meisten Nutzer binden kann, wird attraktiv für andere Nutzer, weil dort eben alle sind (direkter Netzwerkeffekt). Bei Marktplätzen wie Amazon wird es für Anbieter dann interessant, wenn dort viele Kunden sind und umgekehrt finden es Nutzer attraktiv, alles an einem Ort bzw. auf einem Marktplatz zu finden (ein indirekter Netzwerkeffekt). In seinem Artikel resümiert Kasper daher:

„Es ist höchste Zeit, dass wir Digitalisierung nicht mehr als Wirtschaftsfaktor begreifen, sondern vereinen mit dem politischen, rechtlichen, aber auch religiösen und künstlerischen Diskurs“

Denn die Frage, welche menschlichen, sozialen und ökonomischen Werte durch technologische Entwicklungen betroffen sind, können bislang nur theoretisch besprochen werden. Die Macht der Gestaltung liegt in privater Hand und bei den großen digitalen Plattformen. In diesem Zusammenhang ist der von Julian Nida-Rümelin und Nathalie Weidenfeld in ihrem Buch besprochene Begriff des „Digitalen Humanismus“ entscheidend. In einem Interview sagt Nida-Rümelin, angesprochen auf die Datensammelwut von digitalen Plattformen, hierzu:

„Das ist ein Geschäftsmodell mit minimalen Belastungen für den Einzelnen geworden. Denn man bekommt das ja gar nicht mit. (…) Das läuft Gefahr, dass die Selbstbestimmung über die Informationen, die über mich im Umlauf sind, das so genannte informationelle Selbstbestimmungsrecht, beschädigt wird. Das ist einer der kritischsten Aspekte dieser Entwicklung.“

Dies bedeutet auch, dass wir uns damit auseinandersetzen müssen, wie wir mit den Entwicklungen und der Marktzentralisierung als Gesellschaft umgehen wollen. Tim Leberecht vom Zukunftsinstitut schreibt dazu:

„In der Digitalisierung vermuten wir die grenzenlose Chance zur Weltverbesserung, aber verkennen die unsichtbare Dehumanisierung. Es wird Zeit für einen neuen Gesellschaftsvertrag – zwischen Mensch und Maschine.“

In der Konsequenz bedeutet dies, dass die Welt, so wie wir sie kennen, nicht gegeben ist. Google, Amazon, Facebook oder Apple sind nicht zwingend und für immer die Entscheider darüber, wie Technologie sich entwickelt. Vielmehr sind wir es, die Einfluss auf technologische Entwicklungen nehmen können. Nida-Rümelin hierzu:

„Das heißt wir brauchen auch gesetzliche Normen, die diese Digitalisierungsprozesse einrahmen. Da ist vieles in den vergangen Jahrzehnten versäumt worden. Wir haben Internetgiganten, die de facto die Infrastruktur der internationalen Kommunikation steuern. Google ist nur ein Beispiel , aber das vielleicht auffälligste.“

Wir müssen uns somit im Sinne eines digitalen Humanismus als Autoren unseres eigenen Lebens begreifen und reflektieren, dass digitale Möglichkeiten für menschliche Zwecke eingesetzt werden sollten. Die Digitalisierung ist per se wertneutral. In ihrer Ambivalenz kann sie jedoch zum einen zur Demokratisierung für alle eingesetzt werden, aber auch für das Gegenteil. Genau hier müssen wir genau hinschauen und die Entwicklungen, die sich sowohl auf privatwirtschaftlicher wie auch auf politischer Ebene ergeben, beobachten und auf diese aktiv einwirken.

 

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